Samstag, 16. Dezember 2017
   
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"Durch Urinstinkte hervorgerufenes Verdrehen der Glieder"

Über was manche bei ihrer Arbeit so stolpern: ein Text zum Thema Swing aus der Sarner Kollegi-Chronik Nr. 4 aus dem Jahre 1943. Hier unsere Lieblingspassagen daraus:


Swing_immer_Swing2_Kopie„Swing, immer Swing“

Wenn heute ein ehrsamer Bürger vom Lande einen Nachmittags- oder Abendbummler durch eine Schweizer Stadt unternimmt, wird er sehr bald durch sonderbare Geräusche überrascht. (...) Ja, ein regelrechtes Gewimmer, Gejohle, Gejammer und Miauen ist es, was an sein Ohr dringt, verbunden mit ohrenbetäubendem metallischem Geklirr, das in bestimmten Rhythmen aufzuckt. Der naive Reisende vom Land mag an eine Katzen-Grossschlächterei denken, der Städter aber weiss: das ist  S w i n g - M u s i k!

Gegen diese neuartige Musik und ihre Bewunderer wendet sich erst kürzlich „Der Schweizerische Beobachter“ (Nr. 10, 31. Mai 1943) mit wohltuender Deutlichkeit, und zu Beginn dieses Jahres las ich in der „Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung“ eine treffliche Schilderung dieses lächerlichen Rummels, die ich den Lesern der Kollegi-Chronik nicht vorenthalten möchte: „Was ist Swing? – Ein moderner „Tanz“, durch den Urinstinkt hervorgerufenes Verdrehen der Glieder, ein Hopsen und Refrainplärren. (...)

Auf diesen aus Amerika importierten Blödsinn des Swings hätten wir getrost verzichten könnten. Aber nun haben wir ihn halt, und er ist sogar offiziell anerkannt; denn auch unser Landessender lässt Swing-Musik „ertschättern“; denn er will auf der Höhe der Zeit bleiben. (...)

Wenn ich hier von der Kleidung der Swings spreche, muss ich nochmals auf die Behauptung zurückkommen, die Anhänger des amerikanischen Walaffen-Gehopses seinen uniformiert. Jeder Swing-Boy und vor allem jedes Swing-Girl sucht krampfhaft, sich möglichst originell d.h. verrückt zu kleiden. (...) Während bei einer Kompanie Soldaten alle die genau gleiche äusserliche Uniform tragen, dafür aber durch ihre Gesichter, ihren Gang, ihre Sprechweise unterschieden werden können, ist des bei den Swings gerade umgekehrt. Diese können nur an der Farbe der Kleider einigermassen auseinandergehalten werden ...“

Du fragst vielleicht, lieber Leser, was diese Schilderung in der Kollegi-Chronik wolle. Die Erklärung ist ebenso einfach wie drollig: Ich musste die traurige Erfahrung machen, dass es sogar bei uns Swing-Boys gibt, dass aber die Swingfreunde im Kollegi nicht imstande sind, zu sagen, was eigentlich Swing ist. Wie alle Verliebten, sind sie blind und beten blindlings diese Lobeshymnen nach, die irgend so ein Nachtschwärmer ihnen in einer weinseligen Stimmung suggerierte. So verkündete mir einer unserer Swing-Boys pathetisch und im Ernst: „Swing ist ureigenste, tiefsterlebte Musik, Naturmusik. Bis in hundert Jahren weiss man nichts mehr von einem Beethoven, Mozart, Haydn und wie sie alle heissen. (...)!“ Das klingt hochtrabend, nicht wahr? Solche verkehrte Köpfe gibt es unter uns. (...)

Man kann diese Geistesverfassung am ehesten verstehen, wenn man an den Dadaismus denkt, der nach dem letzten Weltkrieg sogar einige geistreiche Köpfe vorübergehend zu behexen vermochte. Hoffen wir, dass die Lebensdauer des Swing ebenso kurz bemessen sein wie die des Dadaismus, und dass alle unsere an Swingvergiftung erkrankten Freunde recht bald zu frischfrohen, lebenstüchtigen Jungschweizern genesen. Quod faxit Deus!


 Text und Illustration: Sarner Kollegi-Chronik 4/1943

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